Mehr als 700 Jahre Geschichte

13. Jahrhundert – Gründung durch die Erbacher Schenken

Um 800 n.Chr. wird Richoltsheim zum ersten Mal erwähnt. Es ist eine der ältesten Niederlassungen im oberen Gersprenztal. Die Endung „-heim” lässt den Ort als fränkische Siedlung erkennen. Als ehemaliges Reichsgut kam die Zent Reichelsheim wahrscheinlich vor 1184 als Reichslehen an die Herren von Erbach. Die Schenken waren aus der Reihe der Ministerialen, dem persönlich verpflichteten Adel der deutschen Kaiser und Könige. „Schenken“, weil sie am kurpfälzischen Hof zu Heidelberg das Amt des Mundschenks versahen. Als getreue Gefolgsleute erhielten sie als Ländereien als Dienstlehen.

Um 1250 nutzten sie die Bergkegellage über dem Gersprenztal, um darauf eine Wehrburg zu erbauen. Diese bildete den Mittelpunkt der 14 Ortschaften umfassenden Zent. Als ihr Erbauer und erster Bewohner gilt der Erbacher Schenk Johann I. (gest. 1296).

Die Wohnqualität war durch die ungeschützte Einwirkung der Witterung und durch die komplizierte Wasserversorgung schwierig. Auf früheren Zeichnungen lässt sich erkennen, dass der Hügel meist völlig gerodet wurde, um sowohl sicherer als auch weithin sichtbar zu sein.

Am 8. Dez. 1307 wird Burg Reichenberg  zum ersten Mal urkundlich erwähnt (als Richenburg bzw. Rychenburg). Zwei zerstrittene Linien der Schenken von Erbach, nämlich die Michelstädter und die Reichenberger, wurden nach Heidelberg vor ein ehrbares Gericht zitiert. Schenk Eberhard von Erbach und sein Vetter Schenk Eberhard Rauch „machten sich verbindlich, in der Burg friedlich beieinander zu wohnen, dieselbe keinem Dritten zu verkaufen oder zu verpfänden, bevor sie dieselbe einem Mitbesitzer zum Kaufe angeboten ...”. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang auch die genaue Festlegung des Burgbezirks, der später mit Grenzsteinen abgesteckt wurde.

In drei verschiedenen Bauperioden wurde zunächst der Bergfried (also der letzte Zufluchtsort in der Burg) durch eine hohe Wehrmauer begrenzt, die von Wall und Graben umfasst war. Eine Zugbrücke führte darüber durch das alte Tor in den inneren Burghof. Bergfried, Ringmauer, steinernes Wohnhaus und Burgtor sind deutliche Anzeichen für eine Nutzung als Wehrburg.

Aus der zweiten Bauperiode stammt der die alte Burg umgebende Zwinger. An der Nordseite befand sich ein zweites Tor. Die Kernanlage besaß einen halbkreisförmigen, ovalen Grundriss.

In einem dritten Bauabschnitt wurde die ganze Anlage nach Süden hin bedeutend erweitert. Durch die Errichtung neuer Wehmauerzüge wurde ein äußerer Burghof geschaffen, in welchem eine Burgkapelle, Wohngebäude, Scheunen und Stallungen errichtet wurden. Diese beträchtlichen Erweiterungen lassen darauf schließen, dass eine Wohnschlossfunktion in den Vordergrund trat. Auch die Bezeichnung Schloss Reichenberg seit dieser Zeit legt das nahe, obwohl diese Schlossfunktion nur bedingt und erst unter Graf Georg Wilhelm zwischen 1725 und 1731 tatsächlich gegeben war.

14. Jahrhundert – Gotische Michaelskapelle

Zugleich entstand in der Südwestecke die gotische Burgkapelle, erbaut vom  frommen Schenken Eberhard X und seiner Frau Marie von Bickenbach, die 1390 heirateten. Ihre beiden Wappen befanden sich auf den Gewölbeschlusssteinen. Ihr Sohn Dietrich wuchs auf dem Reichenberg auf und wurde 1434 sogar Erzbischof von Mainz und Kurfürst.

Die Kapelle wurde nicht wie üblich im Herzen der Burg erbaut, sondern neben dem äußeren Tor. Sie ist Bestandteil der äußeren Wehrmauer. In der Vorstellung des Bauherren sollte diese Lage die Wehrhaftigkeit der Burg stärken. Es ist möglich, dass zuerst das Langhaus mit flacher Balkendecke entstanden ist und später, wohl um 1450, der dreiseitig geschlossene Chor mit spätgotischem Rippengewölbe.

„Auf  dem Reichenberge befand sich vor der Reformation eine Schlosskapelle, von welcher jedoch im übrigen nur wenige Nachrichten vorhanden sind. Sie ist noch in ihren Trümmern sichtbar. Nach dem Baue ihrer Fenster zu schließen stammt sie aus dem 15. Jahrhundert” (aus G. Simon, Dynasten und Grafen zu Erbach).

16. und 17. Jahrhundert – Großbaustelle und Zufluchtsort

1531 fiel die Burg vollständig an Schenk Eberhard VIII von der Linie Reichenberg-Fürstenau. Er wurde 1532 von Kaiser Karl V. in den Reichsgrafenstand erhoben. Sein Sohn Graf Georg III. (gest. 1569) machte eine Großbaustelle daraus und ließ sie zu einer landesherrlichen Festung im Renaissancestil umbauen. So entstand der Palas des „Krummen Baus“ und der Küchenbau. 1557 ließ er den berühmten, bis heute erhaltenen Ziehbrunnen errichten mit den erbachischen und pfälzischen Wappen darauf, letzteres von seiner Ehefrau Prinzessin Elisabeth von der Pfalz. Der dreigeschossige Krumme Bau ist auf die alte, dicke Mantelmauer rund um die Obere Burg gebaut.

Im 30-jährigen Krieg diente Schloss Reichenberg als Zufluchtsort für die Reichelsheimer und umliegenden Dörfer, was ein äußerst beengtes Wohnen zur Folge hatte. So zum Beispiel 1622. Der Angriff der Kroaten und Franzosen konnte zwar abgewehrt werden, dafür wurden aber 16 Häuser in Reichelsheim eingeäschert.

„... Das Kirchenbuch von Reichelsheim enthält viele Einträge von Geburten mit dem Vermerk, dass die Eltern des in der Burgkapelle getauften Säuglings wegen der Kriegswirren auf die Burg hinauf geflohen waren. Diese Tatsache bekundet im höchsten Maße die Verbundenheit zwischen Burg und Gemeinde.”

Der 30-jährige Krieg brachte für die einst reiche, fruchtbare Gegend so schwere Verwüstungen, dass nach 1648 ganze Dörfer entvölkert waren und ganze Landstriche brach lagen. Truppendurchzüge und Einquartierungen, verbunden mit deren aufwändiger Versorgung mit Unmengen von Nahrungsmitteln und Geld, aber auch Plünderungen und schlimme Gräueltaten der Söldnertruppen an der Bevölkerung, dazu Hunger und Krankheit dezimierten die Bevölkerung so sehr, dass die Felder nicht mehr bestellt werden konnten und die Menschen aus Angst in den Wäldern lebten. Um 1650 lebten in Reichelsheim nur noch 100 Einwohner.

„Nur die religiöse und sachliche Einstellung der Erbacher Herrschaft verhinderte, dass die in jener Zeit in anderen Gegenden laufend geführten Hexenprozesse und die damit verbundene Verurteilung und Hinrichtung unschuldiger Menschen auch auf unsere Heimat übergriffen. Durch strenge Verordnungen und Verfügungen, die insbesonders die Einhaltung der Sonn- und Feiertagsruhe (Sabbatedikt) geboten, wurde versucht, wieder Ordnung in das Gemeindeleben zu bringen.“ (aus: 500 Jahre Reichelsheim, S. 36)

Der Wiederaufbau wurde jedoch durch weitere Kriegszeiten wie den deutsch-französischen Krieg (bis 1697) immer wieder erschwert. Die Kriegsabgaben, die von der Bevölkerung erhoben wurde, waren erdrückend. Erbfolgekriege (1701-14 der spanische; 1733-38 der polnische; 1740-48 der österreichische) brachten weitere schwere Belastungen für die Menschen.

18. Jahrhundert – Barocke Grafenresidenz und Amtssitz

Graf Georg Wilhelm machte den Reichenberg 1723 zu seiner Residenz und baute die Vorburg zum Amtshaus um, ein Winkelbau, der sog. „Kammerbau“. Georg Wilhelm nannte sich danach regierender Graf von Erbach-Reichenberg.

1731 fand die endgültige Übersiedlung der Erbacher Grafen ins neu erbaute Erbacher Schloss statt. Von da an verfiel der Reichenberg. Die Gebäude dienten noch als Rentei, Getreidelager oder Steinbruch für die Bewohner der Umgebung. Auf dem Reichenberg wohnten dann nur noch Förster für die gräflichen Waldungen, ein Fischer für die drei Seen am Fuße des Reichenbergs und außerdem ein Fruchtmesser, der die dortigen Getreidespeicher beaufsichtigte. Man ließ die Gebäude verfallen und brach eines nach dem anderen ab. Nur der Krumme Bau und das Amtshaus wurden notdürftig unterhalten.

Der gräfliche Beamte Nees war der letzte Amtsverwalter, der seinen Sitz auf der Burg hatte. Einer seiner beiden Söhne, geboren und aufgewachsen auf Schloss Reichenberg, machte sich später als Botaniker, Naturphilosoph und Politiker einen Namen: Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck (1776-1858). Nees von Esenbeck unterhielt eine freundschaftliche Beziehung zu Johann Wolfgang von Goethe.

19. Jahrhundert – Notdürftige Sicherung und neue Nutzung

1806 kommt die Grafschaf Erbach zum Großherzogtum Hessen.

1825 finden sich drei Belege (Umbauanträge), die nahelegen, dass das Dach der Kapelle abgebaut und das Material anderweitig verbaut wurde.

Erst um 1865 stellte Graf Eberhard XV. Mittel zur Sicherung und Ausbesserung der Mauern bereit.

1863 übernahm Georg Anthes die Pfarrstelle Reichelsheim. Weil er 1874 die von der Evangelischen Kirche des Großherzogtums Hessen herausgegebene „unionistische Kirchenverfassung” nicht unterzeichnete, wurde er als Pfarrer abgesetzt. Die Familie kam in große Not. Der altlutherische Patronatsherr der Evangelischen Kirche, Graf Eberhard zu Erbach-Erbach, gab der Familie auf seiner leerstehenden Burg Reichenberg Unterkunft und einen Gottesdienstraum. Anthes hatte die wenigen „Renitenten” um sich gesammelt und die „unabhängige lutherische Gemeinde Reichelsheim im Odenwald” (SELK) gegründet, deren Christuskirche 1890 eingeweiht wurde.

1876 errichtet Pfarrer Georg Anthes eine Knaben-Erziehungsanstalt auf Schloss Reichenberg. Sein Internat wurde weltweit bekannt. Söhne reicher Eltern aus ganz Europa und darüber hinaus kamen in die „Deutsche Familienschule Schloss Reichenberg”. Sie bestand bis 1923, musste dann aber wegen der Inflation geschlossen werden.

20. Jahrhundert – Privatbesitz mit unterschiedlicher Nutzung

1924 ging die Schlossanlage in den Privatbesitz von Herrn Jakob Siefert vom Fronhof über, der den Krummen Bau vor dem Verfall rettete und im Amtsbau ein Kur- und Erholungsheim einrichtete.1940 war es Altenheim und Station zur Luftbeobachtung.

1947 ließ J. Siefert die Kapellenruine wieder bedachen.

1963 verkaufte J. Siefert das Amtshaus und das anschließende Gelände mit Kapelle an die Deutsche Bundespost als Posterholungsheim. Der obere Teil der Burg blieb bei Frau Elisabeth Siefert.

1973-1978 vermietete die Post die Schlosskapelle an den Frankfurter Kurt Reichmann als Atelier für den Bau historischer Musikinstrumente. Reichmann baute die Kapelle zur Werkstatt und Ferienwohnung aus und nutzte sie für Konzerte.

Seit 1979 – Tagungsstätte, Lebensort und Erfahrungsfeld der OJC-Kommunität

Juli 1979 kaufte die ökumenische Kommunität Offensive Junger Christen Schloss Reichenberg und baute es zu einer Begegnungs- und Tagungsstätte mit öffentlichem Café aus.

Im Mai 1980 übernahm die Kommunität die Michaelskapelle von der Musikinstrumentenbau-Gruppe. Von 1982-1988 konnte sie durch Steinmetz Erich Schneider und ein OJC-Team renoviert werden. Dabei wurde das völlig zerstörte Deckengewölbe über dem Chor wieder hergestellt und die Maßwerkfenster erneuert. Während des Baus wurde die Kapelle schon so oft wie möglich als Gottesdienstraum benutzt. Seit der Wiedereinweihung am 12. Mai 1988 finden dort tägliche Andachten und regelmäßige Abendmahlsfeiern der OJC-Kommunität statt.

Nach dem Verscheiden der vorherigen Eigentümerin, die lebenslanges Wohnrecht im Krummen Bau hatte, begann die OJC 2006 mit der Sanierung der historischen Kernburg. Im Zuge der Restaurierungsarbeiten hat man überraschendes zutage gefördert: u.a. die Fundamente der ursprünglichen Schildmauer aus dem 13. Jh. sowie einen der wenigen erhaltenen Renaissance-Rittersäle, deren älteste Säulen und Trägerbalken aus der Reformationszeit stammen.

Auf dem Gelände der Oberen Burg hat seit 2010 das Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg seine Tore geöffnet – ein generationsübergreifender Ausflugs- und Lernort.

Weitere Restaurierungsmaßnahmen seit 2006 sehen Sie hier.
 

Quellen:

Wilhelm Bardonner: Landkreis Erbach, Monographie einer Landschaft, Trautheim 1960.
Denkmaltopographie Odenwaldkreis, Braunschweig 1999.
Karl E. Demandt, Geschichte des Landes Hessen, Kassel 1980.
Ernst Hieronymus: Chronik von Schloss Reichenberg, 1995 (nach Aufzeichnungen des Erbacher Archivrates Morneweg) und andere nicht veröffentlichte Schriften.
Odenwälder Jahrbuch, 2010.
500 Jahre Reichelsheim, herausgegeben zur Jubiläumsfeier der Gemeinde Reichelsheim.
G. Simon, Dynasten und Grafen zu Erbach.
Thomas Steinmetz, Burgruine Reichenberg, Brensbach 1983